Interview mit Niklas Zötler zum Reinheitsgebot

Die Privatbrauerei Zötler aus Rettenberg im schönen Allgäu ist die älteste Familienbrauerei der Welt. Seit 1447 wird in bei Zötler Bier gebraut, also schon lang bevor 1516 das Reinheitsgebot erlassen wurde. Wie also steht die Brauerei Zötler zum Reinheitsgebot? HopfenLiebe hat mit Niklas Zötler, dem Juniorchef der Brauerei, gesprochen.

Hallo Niklas, wie erklärest Du das Reinheitsgebot in eigenen Worten?
Das RHG stellt sicher, dass für die Bierherstellung ausschließlich die Rohstoffe Wasser, Malz, Hopfen und Hefe eingesetzt werden. Wobei das eigentliche RHG von 1516 die Hefe noch nicht beinhaltet, da man gar nicht wusste, wie die Gärung vonstattengeht. Wir brauen heute nach dem vorläufigen Biersteuergestz.

Ist das Reinheitsgebot ein Maßstab für Qualität, Geschmack, und Braukultur?
Ja und Nein. Das RHG stellt zum einen sicher, dass Bier nur aus den vier obengenannten Rohstoffen hergestellt werden kann. Dadurch ist z.B. sichergestellt, dass kein deutsches Bier mit Reis oder Mais gebraut wird, was den Einsatz technischer Enzyme voraussetzen würde. Für mich ist das schon ein Zeichen für bessere Bierqualität. Allerdings bedeutet es nicht, dass jedes Bier innerhalb des RHG geschmacklich gut ist oder besser schmeckt als andere Biere.

Meines Erachtens unbestritten ist jedoch, dass deutsches Bier weltweit seinen guten Ruf dem RHG zu verdanken hat und deswegen ärgert es mich, dass viele Craftbier-Brauer und –Trinker dieses Gebot mit Füßen treten.

Die Entwicklung des deutschen Bieres in den letzten 100 Jahren ist weltweit einzigartig, auch wenn die Vielfalt sich in den letzten Jahrzehnten stark verkleinert hat, da viele Brauer versucht haben ihre Biere massentauglich zu machen und dadurch viele Biere Charakter verloren haben.

Ermöglicht/Beschränkt das RHG die Sortenvielfalt der Biere und Kreativität des Brauers?
Jedes Gebot beschränkt in gewisser Weise die Vielfalt, weil es Regeln aufstellt, die man einzuhalten hat. Die Frage müsste richtigerweise folgende sein: Reicht die Biervielfalt, die wir innerhalb des RHG abbilden können aus oder nicht? Wir können in Bayern zwar kein Bier auf den Markt bringen, das mit anderen natürlichen Rohstoffen, wie Gewürzen, Kürbis, Himbeeren etc. gebraut wurde, aber Pale Ale, IPA, Stout, Porter, Sauerbiere, holzfassgelagerte Biere, spontanvergorene Biere, Rauchbiere, bilden ja schon eine tolle Sortimentserweiterung zu unseren klassischen deutschen Bierstilen.

Und die Kreativität der Brauer wird dadurch eher angeregt und ist bei weitem noch nicht erschöpft! Viele Craftbrauer die gegen das RHG Stimmung machen, sollten sich auch mal fragen, ob sie denn kreativ genug die Möglichkeiten der unzähligen Hefestämme, Malz- und Hopfensorten ausgeschöpft haben.

Mich stört diese Diskussion bzw. die Art wie sie geführt wird, da viele der Konsumenten, die eine Abschaffung des RHG fordern gar nicht wissen, was das für uns deutsche Brauer eigentlich bedeutet. Eine komplette Abschaffung des RHG würde nur dazu führen, dass gerade die Industriebrauereien noch viel günstiger produzieren könnten und der Preiskampf im Markt sich noch weiter verschlimmert.

Wie stehst Du persönlich zum RHG?
Ich betrachte das RHG schon kritisch und finde auch, dass es der aktuellen Entwicklung im Biermarkt angepasst werden sollte, indem man die Verwendung anderer natürlicher Rohstoffe, wie Früchte und Gewürze, zulassen sollte. Daher bin ich für eine Anpassung, aber keinesfalls für eine Abschaffung! Zudem sollten Zusätze wie PVPP (Stabilisierungsmittel) genauso verboten werden, was wohl aber ein Wunschtraum bleiben wird, dank der Macht der Großbrauereien.

Ist das RHG noch zeitgemäß?
Meines Erachtens ist der Grundgedanke (ausschließliche Verwendung natürlicher Rohstoffe) zeitgemäßer denn je. Die Lebensmittelskandale in den letzten Jahren zeigen doch, dass speziell die Lebensmittelindustrie im Kampf um ständiges Wachstum und mit fortschrittlicher Technologie immer erfindungsreicher wird, natürlich Inhaltsstoffe durch künstliche zu ersetzen. Ich will keinen Analogkäse auf meiner Pizza oder Erdbeeraroma, das von Bakterien erzeugt wird, in meinem Joghurt. Und ich will auch nicht jedes Mal die Inhaltsangaben der Lebensmittel studieren müssen.

Ehrliche Produkte, die uns nicht irgendwas vortäuschen sollten eigentlich Standard sein.

Warum gibt es das RHG (noch)?
Weil wir Brauer und unsere Verbände dafür gekämpft haben und es auch keinen nachvollziehbaren Grund gibt, das RHG abzuschaffen. Anpassung ja, Abschaffung auf keinen Fall!

Vielen lieben Dank Niklas für das Interview!